Wahrheit oder Lüge: Wie wir einen Zaun gezogen haben um den Tollensesee

Die Warze am Hinterteil der Gesellschaft, nein, das ist viel zu milde, ein Bandwurm, ein Geschwür, ein Virus, eine Wucherung ist die Lüge. Im Märchen, wenn der Kaiser von eigener Eitelkeit geblendet unbekleidet vors Volk tritt, sind es die Kinder, die aufstehen und rufen: „Er ist ja ganz nackt!“ Und dann ist die Lüge entlarvt, die Redlichen liegen lachend sich in den Armen und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – immun gegen Blendwerk und bösartige Täuschung.

Vielleicht ist diese Einleitung ein bisschen drüber, dafür, dass ich nur kurz erzählen will von einem Workshop, für den ich quer durchs Land nach Neubrandenburg gefahren bin. Zwei Tage haben wir an einem Podcast gearbeitet – um Lügen, Propaganda und strategisch gestreute Unwahrheiten ging es dabei – und so neugierig 14- und 15-Jährige eben sein können, saßen mir gegenüber im Kirchenraum der Medienwerkstatt Latücht, der sonst Kinosaal ist, Mädchen und Jungen einer Schulklasse mit dem schönen Namen „Fortuna“.

Am Abend vorher hab ich in einem kleinen Hotel am Tollensesee gesessen und geschwitzt. Seit Wochen die Sorgen: Ein Podcast in zwei Tagen… Wie gehen das echte Pädagogen an? Wie sollen 16 Jugendliche gleichzeitig an etwas arbeiten, dessen Fertigung sonst eine recht einsame Angelegenheit ist? Meine Liebe zu Geschichten, die ausschließlich für die Ohren erzählt werden, die hab ich beim Radiohören entdeckt, da war ich kaum älter als zehn Jahre. Aber daneben gab es auch nicht viel – kein immer verfügbares Fernsehprogramm, keine Mediatheken, keine Social-Media-Streams. Wie soll ich diesen Zauber der Generation Mobiltelefon erklären? Und wie kriegen wir das Thema in den Griff, so, dass alle etwas mitnehmen?

Am Anfang hab ich ein bisschen was erzählt, von meiner Arbeit, davon, dass in einer perfekten Welt Wahrhaftigkeit der grundlegende Wert ist für alles, was Medienleute tun und warum es die perfekte Welt derzeit nicht gibt und wir mit dem Streben nach Wahrhaftigkeit erstmal zufrieden sein müssen. Objektive und subjektive Wahrheit, Sender-Empfänger, inkongruentes Verhalten, etwas Kommunikationstheorie… Jede Definition, die die Jugendlichen gefunden haben, haben wir gemeinsam durchgekaut, haben versucht den Unterschied zu ergründen zwischen Lüge und Literatur, zwischen Lüge als Ausdruck sozialen Verhaltens und der bösartigen Lüge, die das Gegenüber täuschen und triggern soll. Und ich durfte einen meiner Lieblingssätze aus der Schublade holen: „Erkläre nichts mit Verschwörung, dass nicht in Dummheit seinen Ursprung haben kann.“

Der erste Schock war die Schnelligkeit der Fortuna. Ich hatte fürs Sammeln von Definitionen, kleinen Geschichten und persönlichen Erfahrungen einen halben Tag eingeplant – in 45 Minuten waren die Mädels und Jungs fertig. Na dann. Ran an die ersten Aufnahmen: Interviews, O-Töne, Geräusche, kleine Geschichten, Effekte und Atmosphären… Und irgendwie war der Tag dann doch schon vorbei, auf der Festplatte: jede Menge Schnipsel und auf Papier die Grundlage für ein Skript.

Vor dem zweiten Workshoptag hab ich ein paar Beats gebaut und das Skript um einen roten Faden erweitert. Die Geschichte einer politisch motivierten Lüge, so hatte ich mir vorgestellt, sollte die zehn Minuten durchziehen, die Geschichte vom eingezäunten Tollensesee. Beides – Beats bauen und den roten Faden entwickeln – wäre auch etwas für die Workshopteilnehmer gewesen, doch fürs erste fehlte die technische Ausstattung, fürs zweite die Zeit. Ich kann nur hoffen, dass ich alles, was ich eingebracht hab in den Podcast, zumindest so erläutert habe, dass es sich die jungen Leute zueigen machen konnten.

Die muntere, ungeskriptete und doch stringente Plauderei eines Podcasts, das weiß ich, kann ich von so jungen Menschen noch nicht erwarten. Also haben wir die am ersten Tag entstandenen Collagen eingebaut in einen abgelesenen Dialog – Mariella und Mara führen an den Mikrofonen durch die Sendung. Der Pedant in mir ist traurig, dass wir nicht an jeder einzelnen Betonung haben arbeiten können, das wäre gut gewesen, aber schließlich wollten auch die anderen beschäftigt und eingebunden sein. Und deshalb kann sich der unerfahrene Pädagoge in mir darüber freuen, dass das Ergebnis zumindest das bestmögliche ist, im Sinne von: das Beste, das unter den Rahmenbedingungen entstehen konnte.

Und nicht, dass hier ein falscher Zungenschlag in die Sache gerät: die jungen Leute waren toll. Klug und aufmerksam, neugierig und voller Tatendrang. Ich bin sehr stolz auf das, was geworden ist und es übertrifft alles, was ich am Anfang mir hatte vorstellen können. Das liegt auch daran, dass die Klasse in der Medienwerkstatt im Latücht schon viel gelernt hatte – über „Mobile Reporting“, darüber wie man Radionachrichten macht und ein Grundlagenseminar zur Funktionsweise von Medien haben die Jugendlichen auch schon besucht.

Und noch viel besser, als in diesem, zugegeben etwas geschwätzigen Text, lassen sich die Tage ja anhand des Ergebnisses beurteilen. Und dafür, dass ich es hier veröffentlichen darf, für die gut organisierten zwei Tage und für all das, was ich dabei gelernt habe, noch einmal großen Dank: an die Fortuna, aber auch an Monique von der Medienwerkstatt und Annett vom DemokratieLaden. Auf dass wir uns freuen können, auf Podcasts, die die jungen Leute irgendwann selbst veröffentlichen, und auf ihren eigenen, klugen Blick auf die Welt, den zu schärfen, ich vielleicht mit diesen zwei Tagen ein wenig helfen durfte.

Wahrheit oder Lüge: Wie wir einen Zaun gezogen haben um den Tollensesee

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